LESEPROBEN

Statt eines Editorials (Ausgabe 3/21)

Kulturelle Dekolonisation oder die Frage, ob Leistung nicht wichtiger ist als Alter,  Hautfarbe und Geschlecht? Eine Hommage an die Kulturleistungen alter weißer Männer

Statt eines Editorials, Lena Naumann, Mundus 3/21

„Entsammeln für Gerechtigkeit“ fordert die Kunsthistorikerin Julia Pelta Feldman und schlägt den Museen vor, Kunstwerke alter weißer Männer verstärkt aus den Sammlungen zu nehmen, um Platz zu schaffen für die Kunst von Frauen und Minderheiten. Kulturelle Dekolonisation lautet das Gebot der Stunde. Unter Dekolonisation versteht man Ablöseprozesse, die zum Ende einer kolonialen Herrschaft führen. Nun also auch im Kulturbereich, und zwar in allen Sparten. Wobei die Frage offen bleibt: Weshalb sollen Seneca, Leonardo da Vinci und Gustav Mahler für Sklaverei und Frauenunterdrückung verantwortlich sein?

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Wesen wie wir (Ausgabe 2/21)

Die Tierdarstellungen der Malerin Christa Mayrhofer

Christa Mayrhofer Wesen wie wir Mundus 2/21

„Wir halten die Tiere nicht für moralische Wesen. Aber meint Ihr denn, dass die Tiere uns für moralische Wesen halten?“ fragte der Philosoph Friedrich Nietzsche bereits 1881 in seinem Werk Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile – lange vor den Zeiten der Folterung moderner Nutztiere durch Anbindung, Kastenstand und Käfighaltung auf engstem Raum. Wo sind die Zeiten geblieben, in denen Menschen ihren Kühen, Schweinen und Hühnern allerhöchsten Respekt entgegenbrachten? Am Anfang waren Stier und Kuh: In der jüngeren Altsteinzeit, etwa zwischen 36.000 und 19.000 Jahren vor Christus malten die ersten Menschen in den Höhlen von Lascaux Auerochsen und Wisente, die wilden Verwandten unserer wiederkäuenden Milch- und Fleischprodu-zenten.

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Oberflächen mit Hintergrund (Ausgabe 1/21)

Zur fotografischen Arbeit von Dieter Nuhr

„Es ist die Eindimensionalität des Positiven wie des Negativen, die der Mehrdimensionalität des Lebens nicht gerecht werden kann.“ Dieser Satz des Philosophen Wilhelm Schmid beschreibt in Kürze das künstlerische Wirken von Dieter Nuhr, der den meisten, die ihn kennen oder zu kennen glauben, vor allem als differenziert analysierender und pointensicherer Kabarettist bekannt ist. Dass Dieter Nuhr seit mehr als dreißig Jahren auch als bildender Künstler arbeitet, dringt erst seit einigen Jahren mehr und mehr an die Öffentlichkeit.1960 in Wesel geboren und später in Düsseldorf aufgewachsen, wo er bis heute lebt, studierte Nuhr von 1981 bis 1985 Kunst und Geschichte an der Universität Essen, der ehemaligen Folkwangschule, wo der Maler, Fotograf und Konzeptkünstler Laszlo Lakner zu einem Lehrer wurde, der ihn nachhaltig prägte.

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Das postpatriarchale Weltbild (Ausgabe 4/19)

Zur Malerei von Johannes Wickert

Am Abend vor der Kreuzigung des Wanderpredigers Jesus aus Nazareth geschah ein Ereignis, das für die damalige Welt höchst ungewöhnlich war: Christus wusch seinen Jüngern die Füße. Diese Geste der Demut und des Dienens praktizierten bis dahin lediglich Frauen und Sklaven. Beim Evangelisten Lukas liest man die Geschichte einer Sünderin, die Jesu Füße mit ihren Tränen benetzte und mit kostbarem Öl salbte. Mit seiner berühmten Fußwaschung während des letzten Abendmahles greift Jesus diese Geste auf und wird damit zum ersten Mann der Neuzeit, der niederkniete und sich auf eine Ebene mit Frauen und Sklaven begab. Bis heute fixiert sich das Christentum hauptsächlich auf den Tod und die Auferstehung Jesu. Hat es übersehen, dass die Geste der Fußwaschung für die patriarchalen Gesellschaften der damaligen und der heutigen Zeit viel revolutionärer war? Dass sie vielleicht dasjenige Ereignis im Leben Jesu mit der größten Sprengkraft gewesen ist? Bezeichnenderweise wollte sich Petrus, auf den sich bis heute die Päpste berufen, von Jesus die Füße zunächst nicht waschen lassen, denn diese Geste eines echten und tiefen Dienens berührte ihn unangenehm. Sie erfordert nämlich die Bereitschaft, Macht abzugeben – Macht über Menschen und Macht über die Erde. Jesus drehte das jüdische Postulat „Macht Euch die Erde untertan!“ um und wurde mit der Fußwaschung zum Diener derjenigen Körperteile, mit denen wir die Erde berühren. Als hätte er sagen wollen: Dienet der Erde anstatt sie zu beherrschen!

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Der heitere Surrealist (Ausgabe 1/19)

Zur Malerei von Eugen Hilti

„Träume Dir Dein Leben schön und mach aus diesen Träumen eine Realität.“ Es war eine Naturwissenschaftlerin, die diesen Satz vor hundert Jahren aussprach: Marie Curie, im Jahre 1903 Nobelpreisträgerin für Physik und 1911 Nobelpreisträgerin für Chemie. Ihr auf den ersten Blick ein wenig esoterisch anmutender Ausspruch berührt eine zentrale Fragestellung auch in der bildenden Kunst: Wie nehmen Künstler die Realität wahr, wie stellen sie Realität dar und welche Wirkung hat diese Darstellung auf den Betrachter? In den 1920er Jahren verzichtete die Künstlergruppe der Surrealisten ganz bewusst auf die Darstellung der Realität, wie sie uns objektiv zu sein scheint, und machte Trauminhalte, unbewusste Impulse, absurde Vorstellungen und Produkte der Phantasie zu ihren bildnerischen Ausdrucksmitteln. Mit dieser Methode wollten die Künstler nicht nur selber zu bisher unbekannten inneren Erfahrungen vordringen, sondern auch beim Betrachter neue Erkenntnisse freisetzen. Der Begriff Surrealismus bedeutet über dem Realismus und beschreibt die unwirklich erscheinenden Bildwelten der damaligen Künstler, die eine Bewusstseinserweiterung anstrebten und bürgerliche Werte aus den Angeln heben wollten. Diese Maler, Bildhauer und Fotografen gingen nicht logisch-rational vor, sondern anarchistisch-revolutionär oder kritisch-paranoisch.

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Zeitgenössische Kunst im Einflussfeld der Politik (Ausgabe 3/18)

… oder die Frage nach der ideologischen Unabhängigkeit künstlerischen Arbeitens

Die Wechselwirkungen zwischen Macht und Politikauf der einen Seite und der Kunst ihrer Zeit auf der anderen sind ein weites Feld. Für eine noch gar nicht so weit zurückliegende Vergangenheit lässt sich klar erkennen: Politische Kräfte haben die Kunst eindeutig beeinflusst. Der sozialistische Realismus als sog. Staatskunst ist auf ebenso peinliche Weise offensichtliche Propaganda gewesen wie die sog. Nazi-Kunst. Beide verbleiben bis heute weitgehend in den Depots, weil selbst ein Kunstwissenschaftler wie Bazon Brock noch immer eine Verführung des zeitgenössischen Publikums befürchtet. Ganze Kunstrichtungen können für die Wertewelt einer Gesellschaft stehen. Die abstrakte und oftmals wenig meisterliche westliche Kunst der Nachkriegsjahre hebt sich von der mehr gegenständlichen Nazi-Kunst sowie vom sowjetischen Realismus deutlich ab. Das macht es schwer, abstrakte Kunst zu kritisieren, weil sie im „richtigen“, die realistische hingegen im „falschen“ System entstand. Nach dem Ende des Sozialismus wurden Werke und Ausstellungen der westlichen Kunst in die Metropolen des alten sowjetischen Reichs exportiert, beispielsweise nach Moskau oder Budapest.

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Bilder formen Wirklichkeit (Ausgabe 2/18)

Über die Wirkung von Kunstwerken auf den Betrachter

„Diejenigen, die Bilder zu erklären versuchen, irren meistens vollkommen“, hat Picasso einmal geäußert.. Wobei hier wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens war, da eine hoch neurotische Persönlichkeit wie Pablo Picasso vermutlich nicht sehr angetan von der Vorstellung gewesen ist, man könne ihm in die seelischen Karten und die verräterischen Abgründe seiner Psyche schauen. Denn für den geschulten Blick des Kunstpsychologen gibt es durchaus einen auffälligen Zusammenhang zwischen dem Leben eines Künstlers und manchen der von ihm geschaffenen Werke. Dieser Zusammenhang hängt mit der Tatsache zusammen, dass die Hände eines Menschen und das, was sie schaffen, letztlich „Ausstülpungen seines Gehirns“ darstellen. Keine künstlerische Arbeit lässt sich isoliert von Seelenleben und Geisteszustand ihres Schöpfers betrachten. Der Künstler ist in seinem Werk und das Werk ist im Künstler. Ohne eine innere Bindung an den dargestellten Inhalt kann der Schaffende das Werk nicht realisieren. Das gilt auch und gerade für den künstlerischen Protest. Was ein Künstler im Außen bekämpft, hat er in seinem Inneren noch nicht überwunden. Hätte er es, würde ihn das Thema nicht mehr interessieren, und er würde sich mit anderen Sujets beschäftigen.

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