LESEPROBEN

Vom seltenen Stillleben zur aktuellen Bilderflut (Ausgabe 2/25)

Je mehr Bilder konsumiert werden, desto stärker leidet die Fähigkeit, Situationen gedanklich zu analysieren und sprachlich zu artikulieren

Kunst liege, so heißt es, im Auge des Betrachters. Dieser belebt ein totes Ding – etwa Pigmente auf Holz oder einen behauenen Stein – durch Empfindungen, die das Werk in ihm auslöst. So ist die französische ebenso wie die italienische Bezeichnung für das Stillleben paradox: Nature morte, natura morta, tote Natur. Arbeiten dieses Genres beziehen ihren Reiz vielfach daraus, dass Nachahmung zur absoluten Perfektion getrieben wurde. Der beseelte Betrachter kann vor dem still vor ihm hängenden Werk kaum der Frage entgehen: Wie bringt ein Mensch das fertig?
Die erste Anekdote über das Stillleben ist ein Künstlerwettstreit in der griechischen Antike, über den Plinius berichtet: Zeuxis malte Weintrauben so täuschend echt, dass die Vögel nach ihnen pickten.

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Letztes Leuchten (Ausgabe 3/24)

August Macke und die Farben des Lebens: Mädchen unter Bäumen in der Pinakothek der Moderne

Wie sehr erschließt sich dem Betrachter die Bedeutung eines Bildes, wenn er seine Geschichte kennt. So verhält es sich mit dem letzten typischen Werk von August Macke, Mädchen unter Bäumen, auch wenn der Maler genau genommen danach noch ein allerletztes Bild malte. Dieses nannte er Abschied. Es ist auch bekannt unter dem Titel
Straße mit Leuten in der Dämmerung oder Mobilmachung (S.32). Zwischen beiden Bildern, deren Ausstrahlung unterschiedlicher nicht sein kann, liegen nur wenige Tage. Sie markieren das Ende eines Künstlerlebens und das Ende einer ganzen Epoche.

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Nachdenkliches über Denkmäler (Ausgabe 2/24)

Wer verhindern möchte, dass sich vergangenes Unrecht wiederholt, sollte die Erinnerungen an eine alte Schuld nicht entfernen, sondern im individuellen und kollektiven Bewusstsein lebendig halten.

Vergessen ist beides, Fluch und Gnade. Wer Angst, Schmerz oder Erniedrigung im Übermaß erlebt hat, wünscht sich nichts sehnlicher, als das Trauma zu vergessen, das mit immer erneutem Schmerz die Schleier der Ablenkung durchdringt und ihn nachts in Albträumen heimsucht. Wer hingegen älter ist und häufiger erlebt, dass ihm ein gerade benötigtes Wort nicht einfällt, fürchtet sich davor, irgendwann mit seinen Erinnerungen auch sich selbst zu verlieren. Gegen den Erinnerungszwang hilft die Abnutzung durch das Vergehen der Zeit und notfalls eine Psychotherapie; gegen das Vergessen kämpft die Menschheit seit Jahrtausenden. In diesem Kampf wurzelt die Kunst: Lange Zeit war es ihre vornehmste Aufgabe, das Vergängliche unvergänglich zu machen, sich der Abnutzung großer Gedanken und Gefühle in den Weg zu stellen.

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Museumsbesuche mit Stadterkundung (Ausgabe 1/24)

Wer die kulturellen Highlights einer Stadt kennenlernen möchte, hat es jetzt noch leichter: Mit der kostenlosen App SQRIBE sind Führungen immer, überall und nach persönlichem Bedarf verfügbar.

Er reist für eine Ausstellung, die ihn interessiert, auch schon mal durch die halbe Republik, um etwa in Düsseldorf den Kunstpalast oder in Schwäbisch Hall die Kunsthalle Würth zu besuchen: der Kunst-Afi cionado. Bei so viel Aufwand ist es nur zu verständlich, dass man die Gelegenheit nutzen möchte, gleich noch mehr von der jeweiligen Stadt zu sehen. Wie sich immer wieder zeigt, ist es jedoch nicht einfach, Informationen zu den Sehenswürdigkeiten vor Ort dann zu bekommen, wenn man sie gerade braucht und Zeit für eine Besichtigung hat. Bittet man an der Rezeption des Hotels um Auskunft, bekommt man meist nur einen einfachen Stadtplan ausgehändigt, dessen wichtigste Aufgabe darin zu bestehen scheint, für die örtliche Gastronomie oder diverse Fachgeschäfte zu werben. Wählt man als Alternative eine konventionelle Stadtführung, stellt man schnell fest, dass die Anfangszeiten mit dem eigenen Zeitplan kollidieren.

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