LESEPROBEN

Selbstbestimmt und frei (Ausgabe 1/24)

Zur Malerei von Sabine Liebchen

„In einem echten Kunstwerk liegt die Welt in tausend Allegorien da“, schrieb vor zweihundert Jahren der deutsche Philosoph Adam Müller von Nitterdorf. Ein Bildmotiv in den Rang einer Allegorie zu heben, es also symbolisch für Ideen, Ereignisse und Entwicklungen stehen zu lassen, ist eine hohe Kunst. Denn dann ist es gelungen, ein komplexes Thema auf metaphorische Weise zu vermitteln und dem Betrachter eine tiefere Bedeutungsebene zu erschließen. Ein berühmtes Beispiel ist das Werk Die Malkunst von Jan Vermeer, das als Allegorie der Malerei in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Als zusätzliches Stilmittel, das die Aussage des Bildes steigert, verwendet Vermeer außerdem die Rückenansicht: der Maler vor seiner Staffelei ist nur von hinten zu sehen. Zeigt ein Künstler von seiner Figur nur den Rücken, bringt er darüber eine Ruhe ins Bild, die einen leichteren Zugang zum Inhalt ermöglicht. 

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Editorial (Ausgabe 2/24)

Vom Surrealismus als Kunstströmung zur Surrealität als Alltagserfahrung oder die Frage: Wie bleiben wir im Kontakt mit der Wirklichkeit jenseits von „alternativen Fakten“ und manipulierten News?

im Jahr 1924 veröffentlichte der französische Schriftsteller André Breton sein Manifeste du Surréalisme. Es war die Geburtsstunde des Surrealismus, der in diesem Jahr auf eine hundertjährige Geschichte zurückblickt. Wir nehmen das Jubiläum zum Anlass, um uns mit dieser geistigen Bewegung und ihren Auswirkungen auf die bildende Kunst detailliert auseinander zu setzen: Die Kunsthistorikerin Brigitte Lohkamp untersucht die Entstehungsbedingungen dieser Jahrhundertbewegung und ihre Nachwirkungen bis in die Gegenwart (S. 22); der Kunstpsychologe Martin Schuster erklärt uns den Vorgang der Bildentstehung bei Salvador Dalí­ (S. 26) und erläutert die Techniken, mit denen die Surrealisten versucht haben, sich Zugang zum Unbewussten zu verschaffen, um es zu befreien – so ihr erklärtes Ziel(S. 28). Spannend sind aber auch die Unterschiede zwischen der künstlerischen und der psychoanalytischen Beschäftigung mit dem Unbewussten, wie der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, ausgehend von der Begegnung Salvador Dalí­s mit Sigmund Freud im Juli 1938, in seinem Beitrag auf S. 32 erläutert.

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Nachdenkliches über Denkmäler (Ausgabe 2/24)

Wer verhindern möchte, dass sich vergangenes Unrecht wiederholt, sollte die Erinnerungen an eine alte Schuld nicht entfernen, sondern im individuellen und kollektiven Bewusstsein lebendig halten.

Vergessen ist beides, Fluch und Gnade. Wer Angst, Schmerz oder Erniedrigung im Übermaß erlebt hat, wünscht sich nichts sehnlicher, als das Trauma zu vergessen, das mit immer erneutem Schmerz die Schleier der Ablenkung durchdringt und ihn nachts in Albträumen heimsucht. Wer hingegen älter ist und häufiger erlebt, dass ihm ein gerade benötigtes Wort nicht einfällt, fürchtet sich davor, irgendwann mit seinen Erinnerungen auch sich selbst zu verlieren. Gegen den Erinnerungszwang hilft die Abnutzung durch das Vergehen der Zeit und notfalls eine Psychotherapie; gegen das Vergessen kämpft die Menschheit seit Jahrtausenden. In diesem Kampf wurzelt die Kunst: Lange Zeit war es ihre vornehmste Aufgabe, das Vergängliche unvergänglich zu machen, sich der Abnutzung großer Gedanken und Gefühle in den Weg zu stellen.

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Museumsbesuche mit Stadterkundung (Ausgabe 1/24)

Wer die kulturellen Highlights einer Stadt kennenlernen möchte, hat es jetzt noch leichter: Mit der kostenlosen App SQRIBE sind Führungen immer, überall und nach persönlichem Bedarf verfügbar.

Er reist für eine Ausstellung, die ihn interessiert, auch schon mal durch die halbe Republik, um etwa in Düsseldorf den Kunstpalast oder in Schwäbisch Hall die Kunsthalle Würth zu besuchen: der Kunst-Afi cionado. Bei so viel Aufwand ist es nur zu verständlich, dass man die Gelegenheit nutzen möchte, gleich noch mehr von der jeweiligen Stadt zu sehen. Wie sich immer wieder zeigt, ist es jedoch nicht einfach, Informationen zu den Sehenswürdigkeiten vor Ort dann zu bekommen, wenn man sie gerade braucht und Zeit für eine Besichtigung hat. Bittet man an der Rezeption des Hotels um Auskunft, bekommt man meist nur einen einfachen Stadtplan ausgehändigt, dessen wichtigste Aufgabe darin zu bestehen scheint, für die örtliche Gastronomie oder diverse Fachgeschäfte zu werben. Wählt man als Alternative eine konventionelle Stadtführung, stellt man schnell fest, dass die Anfangszeiten mit dem eigenen Zeitplan kollidieren.

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Über Liebermann hinaus (Ausgabe 2/23)

Zur Malerei von Christopher Lehmpfuhl

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ Mit diesen Zeilen beginnt der Schriftsteller Thomas Mann seinen Menschheitsroman Joseph und seine Brüder. Die Unergründlichkeit der Geschichte, die der Dichter andeutet, gilt auch für die Geschichte der Kunst. Von den frühen Höhlenmalereien bis zu den Positionen der Gegenwart hat die Malerei – oft totgesagt und dennoch bis heute die Königsklasse der Kunst – zahlreiche Wandlungen und Weiterentwicklungen erlebt.
Bisweilen bewegte sie sich in Kreisen, kehrte zurück, tauchte wieder auf, verwandelte Altes, schuf Neues – der Unterschied zwischen den Tierzeichnungen in der spanischen Altamira-Höhle und der Hirschkuh von Joseph Beuys ist nicht sehr groß – und doch liegen zwischen ihnen fast zwanzigtausend Jahre. Wie entwickelt sich Kunstgeschichte?

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Intuitiv und poetisch (Ausgabe 1/24)

Gustav Klimts Bildnis der Margarethe Stonborough-Wittgenstein in der Neuen Pinakothek München

„Bei der Beurteilung von Ereignissen kann als Regel dienen, dass hinter allem, was den Anschein des Unverfänglichen besitzt, ein geheimer Plan steckt, wohingegen das, was planmäßig zu sein scheint, gewöhnlich keinen Hintergrund hat als die vollkommenste Gedankenlosigkeit“, schreibt der Wiener Burgtheaterdichter Franz Grillparzer im 19. Jahrhundert. Diesen Satz kann man auch auf manche Kunstwerke übertragen: Gustav Klimts zunächst arglos daherkommendes Porträt Bildnis der Margarethe Stonborough-Wittgenstein ist ein gutes Beispiel für diese Beobachtung.

Margarethe Stonborough-Wittgenstein wurde 1882 als Tochter des österreichischen Stahlmagnaten Karl Wittgenstein geboren. Sie war eine Schwester des Philosophen Ludwig Wittgenstein und Bauherrin des Hauses Wittgenstein in Wien.

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Editorial (Ausgabe 1/24)

Hate Speech, alternative Fakten, Sperrmüllkunst oder die Frage:
Wie viel Freiheit „kann“ der Mensch?

„Liebe Leserinnen und Leser,

„Des geistigen Menschen höchste Leistung ist immer Freiheit. Freiheit von den Menschen, Freiheit von den Meinungen, Freiheit von den Dingen, Freiheit nur zu sich selbst“, schrieb der Dichter Stefan Zweig, der 1942 im Exil den Freitod wählte, weil er die Zerstörung der Freiheit durch die Nationalsozialisten nicht länger ertrug. Was bedeutet „Freiheit“? Um einer Antwort auf diese Frage auf die Spur zu kommen, lohnt sich ein Blick in ein etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Das Wort frei leitet sich vom althochdeutschen frihals ab – dessen Hals frei ist – , dem also sein Hals und damit auch sein Kopf und sein Denken selbst gehören: Freiheit und Würde des Einzelnen – von Christentum, Aufklärung, der französischen und vielen weiteren Revolutionen mühsam errungen – ist die geistige DNA Europas.

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Zwischen Spiel und Verdacht (Ausgabe 2/22)

Kulturen lernen voneinander, und das hält sie lebendig.
Reflexionen über die Frage der kulturellen Aneignung

Wolfgang Schmidtbauer Zwischen Spiel und Verdacht

Der Gedanke eines geistigen Reichs, in dem alle weltlichen
Reiche zusammengefasst sind, gehört in die Zeit
des Bildungsbürgertums. Er ist im Ersten Weltkrieg mitsamt
dem Empire und den deutschen Kaiserreichen untergegangen.
Sein Erbe traten die Nationalstaaten an. Im
Tropenmuseum in Amsterdam befindet sich heute eine
der größten Sammlungen von Ethnographica, die es
überhaupt gibt. Leider sind viele dieser Exponate in den
Magazinen verschwunden. Stattdessen befasste sich eine
dort kürzlich gezeigte Ausstellung mit hoch erhobenem
Zeigefinger mit dem Thema der kulturellen Aneignung.
Es war, als schäme sich das große Haus seines
Reichtums an Zeugnissen der indonesischen Völker und
habe sie deshalb in die Regale der Depots verbannt.

Das Cambridge Dictionary definiert laut Wikipedia kulturelle
Aneignung als „das Verwenden von Dingen einer
Kultur, die nicht deine eigene ist, ohne zu zeigen, dass du
diese Kultur verstehst oder respektierst“. Es wäre naiv zu
erwarten, dass soziale Bewegungen, die sich gegen Kolonialismus
und Rassismus richten, in von missionarischen
Traditionen geprägten Gesellschaften plötzlich
von solchen Haltungen frei sein sollten.

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Oberflächen mit Hintergrund (Ausgabe 1/21)

Zur fotografischen Arbeit von Dieter Nuhr

„Es ist die Eindimensionalität des Positiven wie des Negativen, die der Mehrdimensionalität des Lebens nicht gerecht werden kann.“ Dieser Satz des Philosophen Wilhelm Schmid beschreibt in Kürze das künstlerische Wirken von Dieter Nuhr, der den meisten, die ihn kennen oder zu kennen glauben, vor allem als differenziert analysierender und pointensicherer Kabarettist bekannt ist. Dass Dieter Nuhr seit mehr als dreißig Jahren auch als bildender Künstler arbeitet, dringt erst seit einigen Jahren mehr und mehr an die Öffentlichkeit.1960 in Wesel geboren und später in Düsseldorf aufgewachsen, wo er bis heute lebt, studierte Nuhr von 1981 bis 1985 Kunst und Geschichte an der Universität Essen, der ehemaligen Folkwangschule, wo der Maler, Fotograf und Konzeptkünstler Laszlo Lakner zu einem Lehrer wurde, der ihn nachhaltig prägte.

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Zeitgenössische Kunst im Einflussfeld der Politik (Ausgabe 3/18)

… oder die Frage nach der ideologischen Unabhängigkeit künstlerischen Arbeitens

Die Wechselwirkungen zwischen Macht und Politikauf der einen Seite und der Kunst ihrer Zeit auf der anderen sind ein weites Feld. Für eine noch gar nicht so weit zurückliegende Vergangenheit lässt sich klar erkennen: Politische Kräfte haben die Kunst eindeutig beeinflusst. Der sozialistische Realismus als sog. Staatskunst ist auf ebenso peinliche Weise offensichtliche Propaganda gewesen wie die sog. Nazi-Kunst. Beide verbleiben bis heute weitgehend in den Depots, weil selbst ein Kunstwissenschaftler wie Bazon Brock noch immer eine Verführung des zeitgenössischen Publikums befürchtet. Ganze Kunstrichtungen können für die Wertewelt einer Gesellschaft stehen. Die abstrakte und oftmals wenig meisterliche westliche Kunst der Nachkriegsjahre hebt sich von der mehr gegenständlichen Nazi-Kunst sowie vom sowjetischen Realismus deutlich ab. Das macht es schwer, abstrakte Kunst zu kritisieren, weil sie im „richtigen“, die realistische hingegen im „falschen“ System entstand. Nach dem Ende des Sozialismus wurden Werke und Ausstellungen der westlichen Kunst in die Metropolen des alten sowjetischen Reichs exportiert, beispielsweise nach Moskau oder Budapest.

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