LESEPROBEN

Kolorist der Alpen (Ausgabe 4/20)

Zum malerischen Werk von Giorgio Avanti – Lena Naumann

„Ich denke an nichts, wenn ich male, ich sehe Farben.“ Kein Geringerer als der französische Maler Paul Cézanne brachte vor mehr als hundertfünfzig Jahren mit diesen Worten zum Ausdruck, was ein Maler empfindet, der sich einer Landschaft nicht primär zeichnerisch, d.h. über die Linie, annähert, sondern vielmehr über ihre das wechselnde Licht reflektierenden und ständig sich verändernden Farben. Cézanne, von Picasso als Vater der modernen Malerei bezeichnet, wird vor allem dafür gerühmt, dass er als einer der ersten seine Motive in geometrische Formen zu zerlegen versuchte. Ebenso innovativ war aber auch sein Umgang mit Farbtönen. Die Hauptsache in einem Bild, so sagte er einmal, sei das Treffen der Distanz, und die Farbe sei entscheidend, um den Sprung in die Tiefe auszudrücken. Cézanne inspirierte mit seinen Werken den Impressionismus, den Expressionismus und nicht zuletzt eine malerische Gestaltungsart, die keiner bestimmten Epoche zuzurechnen, sondern über alle Stilrichtungen und Zeiten hinweg aktuell geblieben ist: den Kolorismus. Bei dieser Malweise besitzt die Farbe eine höhere Bedeutung als Linie, Komposition und Perspektive. Intensiv leuchtende Farben reizen die Sinne und sind von entscheidender Bedeutung für die Entfaltung der Bildwirkung.

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Gegenwartsarchäologie (Ausgabe 4/20)

Die Formensprache des Konsums. Zur künstlerischen Arbeit von Antonius Conte – Lena Naumann

Es bezeichnet allgemein den Verzehr oder den Verbrauch von Gütern: das Wort Konsum. Sprachlich leitet es sich vom lateinischen sumere – nehmen, zu sich nehmen ab. Das wirft Fragen auf. Vor allem: Was nehmen wir eigentlich zu uns, was nehmen wir dabei in die Hand und in welcher Form? Sensibel für Formen zu sein ist eine Gabe, die vor allem Künstlern eigen ist. Und sensibel für die äußeren Formen des Massenkonsums ist in besonderer Weise der Schweizer Künstler Antonius Conte. Seine Art, Kunst zu machen, ist insofern außergewöhnlich, als sie sich von der gängigen Art der Malerei und Bildhauerei sowohl in der geistigen Haltung wie auch in der Art und Weise des Vorgehens tiefgreifend unterscheidet.

Betrachten und wahrnehmen, was da ist

Antonius Conte wurde 1954 am linken Zürichseeufer in Wädenswil geboren und lebt heute auf der deutschen Seite des Bodensees. Er lernte den Beruf des Bauzeichners, interessierte sich aber schon früh für Kunst, vor allem für Malerei und Plastik. Bereits zu Schulzeiten war er neugierig auf die intellektuellen und geistigen Strömungen, die die Welt bewegen.

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Das postpatriarchale Weltbild (Ausgabe 4/19)

Zur Malerei von Johannes Wickert – Lena Naumann

Am Abend vor der Kreuzigung des Wanderpredigers Jesus aus Nazareth geschah ein Ereignis, das für die damalige Welt höchst ungewöhnlich war: Christus wusch seinen Jüngern die Füße. Diese Geste der Demut und des Dienens praktizierten bis dahin lediglich Frauen und Sklaven. Beim Evangelisten Lukas liest man die Geschichte einer Sünderin, die Jesu Füße mit ihren Tränen benetzte und mit kostbarem Öl salbte. Mit seiner berühmten Fußwaschung während des letzten Abendmahles greift Jesus diese Geste auf und wird damit zum ersten Mann der Neuzeit, der niederkniete und sich auf eine Ebene mit Frauen und Sklaven begab. Bis heute fixiert sich das Christentum hauptsächlich auf den Tod und die Auferstehung Jesu. Hat es übersehen, dass die Geste der Fußwaschung für die patriarchalen Gesellschaften der damaligen und der heutigen Zeit viel revolutionärer war? Dass sie vielleicht dasjenige Ereignis im Leben Jesu mit der größten Sprengkraft gewesen ist? Bezeichnenderweise wollte sich Petrus, auf den sich bis heute die Päpste berufen, von Jesus die Füße zunächst nicht waschen lassen, denn diese Geste eines echten und tiefen Dienens berührte ihn unangenehm. Sie erfordert nämlich die Bereitschaft, Macht abzugeben – Macht über Menschen und Macht über die Erde. Jesus drehte das jüdische Postulat „Macht Euch die Erde untertan!“ um und wurde mit der Fußwaschung zum Diener derjenigen Körperteile, mit denen wir die Erde berühren. Als hätte er sagen wollen: Dienet der Erde anstatt sie zu beherrschen!

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Der heitere Surrealist (Ausgabe 1/19)

Zur Malerei von Eugen Hilti – Lena Naumann

„Träume Dir Dein Leben schön und mach aus diesen Träumen eine Realität.“ Es war eine Naturwissenschaftlerin, die diesen Satz vor hundert Jahren aussprach: Marie Curie, im Jahre 1903 Nobelpreisträgerin für Physik und 1911 Nobelpreisträgerin für Chemie. Ihr auf den ersten Blick ein wenig esoterisch anmutender Ausspruch berührt eine zentrale Fragestellung auch in der bildenden Kunst: Wie nehmen Künstler die Realität wahr, wie stellen sie Realität dar und welche Wirkung hat diese Darstellung auf den Betrachter? In den 1920er Jahren verzichtete die Künstlergruppe der Surrealisten ganz bewusst auf die Darstellung der Realität, wie sie uns objektiv zu sein scheint, und machte Trauminhalte, unbewusste Impulse, absurde Vorstellungen und Produkte der Phantasie zu ihren bildnerischen Ausdrucksmitteln. Mit dieser Methode wollten die Künstler nicht nur selber zu bisher unbekannten inneren Erfahrungen vordringen, sondern auch beim Betrachter neue Erkenntnisse freisetzen. Der Begriff Surrealismus bedeutet über dem Realismus und beschreibt die unwirklich erscheinenden Bildwelten der damaligen Künstler, die eine Bewusstseinserweiterung anstrebten und bürgerliche Werte aus den Angeln heben wollten. Diese Maler, Bildhauer und Fotografen gingen nicht logisch-rational vor, sondern anarchistisch-revolutionär oder kritisch-paranoisch.

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Zeitgenössische Kunst im Einflussfeld der Politik (Ausgabe 3/18)

… oder die Frage nach der ideologischen Unabhängigkeit künstlerischen Arbeitens – Martin Schuster

Die Wechselwirkungen zwischen Macht und Politikauf der einen Seite und der Kunst ihrer Zeit auf der anderen sind ein weites Feld. Für eine noch gar nicht so weit zurückliegende Vergangenheit lässt sich klar erkennen: Politische Kräfte haben die Kunst eindeutig beeinflusst. Der sozialistische Realismus als sog. Staatskunst ist auf ebenso peinliche Weise offensichtliche Propaganda gewesen wie die sog. Nazi-Kunst. Beide verbleiben bis heute weitgehend in den Depots, weil selbst ein Kunstwissenschaftler wie Bazon Brock noch immer eine Verführung des zeitgenössischen Publikums befürchtet. Ganze Kunstrichtungen können für die Wertewelt einer Gesellschaft stehen. Die abstrakte und oftmals wenig meisterliche westliche Kunst der Nachkriegsjahre hebt sich von der mehr gegenständlichen Nazi-Kunst sowie vom sowjetischen Realismus deutlich ab. Das macht es schwer, abstrakte Kunst zu kritisieren, weil sie im „richtigen“, die realistische hingegen im „falschen“ System entstand. Nach dem Ende des Sozialismus wurden Werke und Ausstellungen der westlichen Kunst in die Metropolen des alten sowjetischen Reichs exportiert, beispielsweise nach Moskau oder Budapest.

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Präsenz zeigen (Ausgabe 2/18)

Zur fotografischen Arbeit von Hannes Kutzler – Lena Naumann

Vor zweieinhalbtausend Jahren schrieb ein chinesischer Philosoph, der in seiner Heimat bis heute eine ähnliche Berühmtheit wie Konfuzius besitzt, ein bemerkenswertes Buch über die Schöpfung und über die Frage, wie menschliches Leben gelingt. Sein Name ist Laotse und sein Werk das Tao te King. In seinem zehnten Spruch stellt er die Frage: „Kannst Du Deinen Geist von seinem Herumwandern abbringen und am ursprünglichen Einssein festhalten? Kannst Du von Deinem eigenen Geist Abstand nehmen und so alle Dinge begreifen?“ Und fährt fort: „Handeln ohne Erwartungen, das ist die höchste Tugend.“ Wer kreativ tätig ist, kennt das Phänomen: ein Werk gelingt nicht gut, wenn man es erzwingen will, wenn man krampfhaft nach einer Idee oder einer optimalen Realisierung sucht. Die besten kreativen Schöpfungen in Kunst, Musik und Literatur entstehen vielmehr aus einer Haltung des Loslassens, wenn der Künstler sich zurücknimmt und einem Werk den Raum für seine Entwicklung gibt, für das die Zeit reif geworden ist. Picasso fasste diese innere Haltung einmal mit dem Satz zusammen: „Ich suche nicht, ich finde.“ Sie ist auf alle Künste übertragbar und ebenso auf die Lebenskunst. Der Mensch ist ein denkendes, rechnendes und kalkulierendes Wesen.

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Bilder formen Wirklichkeit (Ausgabe 2/18)

Über die Wirkung von Kunstwerken auf den Betrachter – Lena Naumann

„Diejenigen, die Bilder zu erklären versuchen, irren meistens vollkommen“, hat Picasso einmal geäußert.. Wobei hier wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens war, da eine hoch neurotische Persönlichkeit wie Pablo Picasso vermutlich nicht sehr angetan von der Vorstellung gewesen ist, man könne ihm in die seelischen Karten und die verräterischen Abgründe seiner Psyche schauen. Denn für den geschulten Blick des Kunstpsychologen gibt es durchaus einen auffälligen Zusammenhang zwischen dem Leben eines Künstlers und manchen der von ihm geschaffenen Werke. Dieser Zusammenhang hängt mit der Tatsache zusammen, dass die Hände eines Menschen und das, was sie schaffen, letztlich „Ausstülpungen seines Gehirns“ darstellen. Keine künstlerische Arbeit lässt sich isoliert von Seelenleben und Geisteszustand ihres Schöpfers betrachten. Der Künstler ist in seinem Werk und das Werk ist im Künstler. Ohne eine innere Bindung an den dargestellten Inhalt kann der Schaffende das Werk nicht realisieren. Das gilt auch und gerade für den künstlerischen Protest. Was ein Künstler im Außen bekämpft, hat er in seinem Inneren noch nicht überwunden. Hätte er es, würde ihn das Thema nicht mehr interessieren, und er würde sich mit anderen Sujets beschäftigen.

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